Trinkhalle Ruhrgebeat: Das Interview

Die Trinkhalle Ruhrgebeat ist schnell zu einem Kulthort der neuen Bierkultur geworden. Am 3.12. fand dort das zweite Treffen der Bierakademie statt. Grund genug für uns, den Gastgeber und Inhaber der Trinkhalle Tom Gawlig mit ein paar Fragen zu löchern. Trinkhalle – Das Interview. Und zwar absolut uncut.

Frage:
Hi Tom! Schön, dass du kurz vor der Bierakademie noch Zeit für ein paar Fragen hast.
Was hat dich dazu bewogen, ausgerechnet im Ruhrgebiet ausgefallene Biere abseits des Mainstreams anzubieten? Meinst du, die Menschen sind bereit, sich vom klassischen Pils auf Neuland zu wagen?

Antwort:
Der Pott ist meine Heimat. und damit meine ich noch mehr die Haltung, den Spirit, als den RVR.
Das gleiche Ding hätte man auch in Duisburg oder Dortmund aufziehen können. Wahrscheinlich sogar in Dorsten oder Hagen. Keinesfalls jedoch in Berlin oder München. Da musst Du ganz andere Summen bewegen und dann noch hoffen, dass sie deinen Designer-Craft-Beer-Hotspot möglichst schnell im Loneley Planet erwähnen.

Biermäßig ist das Ruhrgebiet ja traditionell ganz vorne mit dabei. Quantitativ sowieso, aber auch der Qualitätsstandard, den Stauder, Fiege und Vormann seit weit über einem Jahrhundert halten, ist aller Ehren wert. Man könnte heute sicher noch ein paar stolze Marken mehr nennen wenn es der Werbeindustrie in den 80ern nicht gelungen wäre, den Leuten diesen Felsquellwasser-Premium-Pils-Humbug einzutrichtern.
Im Gegensatz zu damals müssen die Leute heute nicht überredet werden. Man ist so gelangweilt von der Sportschauplörre, dass jedes handwerklich gelungene Bier beinahe ein Selbstläufer ist.

trinkhalle

Der rustikale und gemütliche Innenraum der Trinkhalle Quelle: Facebookseite Trinkhalle ruhrgebeat.

 

Frage:
Wie schätzt du die aktuelle Entwicklung der Bierkultur hierzulande ein?
Wo geht die Reise hin?

Antwort:
Da hab ich zwar viel drüber gelesen, bin aber noch zu neu auf diesem Kontinent um umfassend und fundiert Stellung nehmen zu wollen.
Sicher ist jedoch, dass (in Deutschland reichlich spät) eine Bewegung in Gang geraten ist, die uns allen bessere Biere beschert hat und unumkehrbar bescheren wird.
Bleibt zu hoffen, dass nicht der ganze Rahm von Konzernprodukten wie Braufactum (Radeberger) oder Craftwerk (Bitburger) abgeschöpft wird. Biertrinken ist immer auch eine (lokal-)politische Entscheidung!

Frage:
Erzähle über die Trinkhalle? Was genau ist das Konzept?

Antwort:
Die Trinkhalle ist ein organisch wachsendes Ruhrgebietskioskprojekt. Die ausgewählten Produkte werden nach strengen geschmacklichen, ökologischen, regionalen sowie politischen Gesichtspunkten ausgewählt. Alles soll schlicht und gut und am Liebsten von hier sein!

Frage:
Ich hör immer „Kortländer Kiez“. Was kannst du darüber erzählen?

Antwort:
Unter dem Schlagwort versammeln sich seit einiger Zeit ganz unterschiedliche Leute, denen ihre Nachbarschaft rund um die ehemalige Kneipe „Kortländer“ am Herzen liegt.

Als ich vor ein paar Jahren nach Bochum kam, war mit den kurdischen und türkischen Clubs, Goldkante und Ebstein recht viel Leben im Quartier. Leider hat zwischenzeitlich – nicht immer ganz ohne eigenes Verschulden der Betreiber – alles dichtgemacht.
Seit ein paar Monaten geht’s jetzt fundamental in eine etwas hoffnungsvollere Zukunft für den Kiez. Dabei ist es ganz wichtig, alle mitzunehmen. So mag es wohl augenfällig sein, dass es hier das beste Bier, das beste Eis (im Kugelpudel), die beste Antipasti gibt. Aber das Tonstudio von Rang, der herausragende türkische Bäcker oder die sehr besonderen Wasserpfeifen sind noch nicht jedem geläufig.
Wir wollen hier die Weiterentwicklung eines multikulturellen und wahrhaft alternativen Mikrokosmos betreiben, handgemacht aber frei von Schischi und Pipapo.
Von öffentlichen Stellen erwarten wir dabei nicht mehr, als dass sie uns möglichst wenig in die Quere kommen.

Frage:
Erzähl doch mal was über die Idee zur Bierakademie!
Bist du überzeugt von den ersten beiden Ausgaben?

Antwort:
Die Bierakademie soll Wissen über Bier verbreiten. In ihrer Startphase ist es erstmal wichtig, Netzwerke zu knüpfen. Es sollen Leute zusammen kommen, die irgendwie mit besonderen Bieren zu tun haben. Wir hatten bislang Braumeister, Bierbrauer, Bierblogger, diverse Gastronomen sowie eine Reihe sehr interessierter Biertrinker da. Die Szene ist klein, aber sympathisch und der Feind ist medienmächtig. Ohne genau zu wissen, wo die akademische Reise hingeht, wird es der Bierbewegung nützen, wenn man sich austauscht. Auch dieses Gespräch legt davon Zeugnis ab.

Frage:
Was ist deine Lieblingsbiersorte? Deine Lieblingsbiere?

Antwort:
Geschmack ist immer Bildung – ist nie statisch. Bei der neuen Biervielfalt geht es immer auch darum, Geschmack zu verorten. Auch ein Bier, welches nie mein Lieblingsbier werden kann, hilft mir dabei, mein Geschmacksempfinden zu schulen. So wenig wie der erste Single-Malt-Whisky wird mir wahrscheinlich das krasseste XXX-IPA zunächst schmecken. Aber gut möglich, dass einem geschulten Gaumen nix zu torfig/hopfig sein kann.
Aber ich will gar nicht ausweichen. Die sauren belgischen Biere haben es mir besonders angetan. Für ein Kriek von De Ranke würde ich nicht nur im Sommer alles stehen lassen.
Nicht unerwähnt bleiben darf aber auch das IPA vom brauprojekt 777: das ist einfach total sympathisch – das Bier und das Projekt.
Wenn ich mir allerdings vornehme, eine ganze Kiste zu trinken, dann würde ich sie gerne mit Vormanns Vorder starten und mit Alt und Doppelbock vollenden!
Getz kriegich aber Durst.

Durstige soll man nicht aufhalten. Danke an Tom für das nette Interview und sein engagiertes Projekt Trinkhalle!

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Ein Gedanke zu „Trinkhalle Ruhrgebeat: Das Interview

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